Urban Gardening: Grüne Aktivitäten im urbanen Raum

von Sarah Kumnig [via]

Urban Gardening ist in vielen Städten Europas unübersehbar. Auch in Wien wächst die Zahl der bunten Gärten seit Jahren. Auf der Tagung “Green Urban Commons”, organisiert im Rahmen des gleichnamigen Projekts an der Universität Wien, diskutierten internationale WissenschafterInnen über diesen Trend.

Welche Rolle spielen grüne urbane Aktivitäten in der Verhandlung über die Nutzung und Bedeutung von öffentlichen Räumen? Was haben Gemeinschaftsgärten mit Städtewettbewerb, Aufwertungsprozessen und Ernährungssouveränität zu tun? Und was bedeutet überhaupt “Commons”?

Diese und weitere Fragen wurden Ende  Oktober im Zuge der Tagung “Green Urban Commons” angeregt diskutiert. Rund 60 WissenschafterInnen sowie Menschen aus Politik und sozialen Bewegungen waren aus ganz Europa und Australien angereist, um an der Tagung teilzunehmen. Organisiert wurde diese vom WWTF-Projekt “Green Urban Commons” unter der Leitung von Politikwissenschafter Ulrich Brand.

Vernetzungspunkt

Das große Interesse an einer kritischen Debatte und einem Austausch über Fragen zu neoliberaler Stadtentwicklung, urbanem Gärtnern, (peri-)urbaner Landwirtschaft und Urban Commoning zeigt, dass die Tagung eine Leerstelle in der bisherigen Veranstaltungslandschaft füllen konnte. Die transdisziplinär ausgerichtete Konferenz wurde somit zu einem wichtigen Vernetzungspunkt von WissensarbeiterInnen, die in einigen Fällen auch selbst in urbanen Garten- oder Landwirtschaftsprojekten aktiv sind.

Eröffnet wurde die Tagung mit einer Keynote Lecture von Franklin Obeng-Odoom von der Technischen Universität Sydney zur Paradoxie des urbanen grünen Wachstums. Entgegen den postulierten Zielen führe auch dieses zu hohem Ressourcenverbrauch und in vielen Fällen zur Vertreibung ärmerer Bevölkerungsgruppen im Zuge von Aufwertungsprozessen bestimmter “grüner” Stadtteile.

Marit Rosol von der Goethe-Universität Frankfurt/M. behandelte anschließend in ihrem Vortrag das ambivalente Verhältnis zwischen einer Neoliberalisierung des Städtischen und der Etablierung grüner urbaner Commons. Gemeinschaftsgärten sollen dabei weder als reine Aufwertungsinstrumente, noch als eindeutige Widerstandsorte verstanden, sondern in ihrer unvermeidlichen Widersprüchlichkeit kritisch analysiert werden.

Grüne urbane Aktivitäten kritisch beleuchtet

Im Laufe der zwei Tage wurden weitere englisch- und deutschsprachige Beiträge diskutiert. Die Themen erstreckten sich von konzeptionellen Fragen zu Commons, über Fallstudien zu solidarischen Landwirtschaftsprojekten in Europa sowie dem globalen Süden bis hin zu Fassadenbegrünung als (un)möglichen Bestandteil einer nachhaltigen Stadtentwicklung.

Interessant hierbei war, dass grüne urbane Aktivitäten nicht nur positiv und affirmativ als selbstbestimmte Aneignungsformen von Stadtraum beschrieben, sondern auch kritisch beleuchtet wurden.

Ein Forschungsprojekt kam etwa zu dem Ergebnis, dass Gemeinschaftsgärten als “Klub-Gut” eingeordnet werden müssen, da sie zu Verdrängungen und zur Privatisierung von öffentlichen Räumen führen. Auch Stadtentwicklungsfragen wurden zum Thema gemacht und aktuelle BürgerInnenbeteiligungsverfahren als zentrale Bestandteile eines neoliberalen “Regierens durch Partizipation” analysiert.

Stadtspaziergang zu grünen Aktivitäten

Neben den theoretischen und anwendungsbezogenen Themen standen auch methodologische Fragen zur Debatte: Wie und warum überhaupt grüne urbane Aktivitäten untersuchen? Und was wären die Potentiale und Grenzen von Aktionsforschung? Ganz in diesem Sinne, nämlich einem starken Praxisbezug, fand am Samstagnachmittag ein Stadtspaziergang zu selbst-organisierten grünen Aktivitäten in Wien statt. Dabei konnten Themen veranschaulicht und konkrete Widersprüche und Herausforderungen gemeinsam mit GärtnerInnen besprochen werden.

Viele der Diskussionen während der Tagung waren nur erste Schritte in einem Austausch, der darauf wartet weitergeführt zu werden. So etwa die Frage, ob ein Fokus auf Grünräume und Gärten überhaupt sinnvoll sei, oder ob eine breitere Perspektive, etwa des “Urbanen Commonings”, die auch Themen wie Recht auf Stadt, Zugang zu Wohnraum und Bleiberecht miteinschließt, für zukünftige Auseinandersetzungen angemessener wäre. Deutlich wurde auch: Globalisierung findet ganz konkret in städtischen Räumen statt. Die Tagung war somit ein erfolgreicher Beginn einer transnationalen sowie transdisziplinären kritischen Debatte, um die Neoliberalisierung des Städtischen sowie “Green Urban Commoning” besser zu verstehen.

Mag. Sarah Kumnig ist am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien tätig und wissenschaftliche Mitarbeiterin im WWTF-Projekt “Green Urban Commons”.

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Posted on November 7, 2015, in Uncategorized. Bookmark the permalink. Leave a comment.

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